Lothar Matthäus hätte im April 2010 bei Hannover 96 als Bundesliga-Trainer unterschreiben können – oder?

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Die Matthäus-Autobiografie habe ich an Weihnachten 2012 geschenkt bekommen.

Kürzlich an Weihnachten habe ich gleich mehrere Fußball-Bücher geschenkt bekommen: Die Biografie von Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger, das Buch über die verpasste Profikarriere des früheren Bayern-Jugendspielers Timo Heinze, die England-Erlebnisse von Ex-Arsenal-Profi Moritz Volz – und auch das aktuelle Buch von Lothar Matthäus.

Für die Jüngeren unter uns: Lothar Matthäus war einer der besten deutschen Fußballer aller Zeiten und als ich (*1981) als Kind begann, selbst Fußball zu spielen und Fan zu werden, war er in der Blüte seines Fußballerlebens (in den Jahren 1987 bis 1992).

Das Matthäus-Buch „Ganz oder gar nicht“ habe ich zügig zwischen den Jahren durchgelesen und ich muss sagen: Es ist echt interessant und kurzweilig. Natürlich interessieren mich die unsportlichen Passagen weniger, vor allem die, in denen Lothar Matthäus versucht seine Gefühle zu beschreiben, die er zu der jeweiligen Zeit zu den verschiedenen (Ehe-)Frauen hatte.

Die chronologische Aufzählung und die Erlebnisse in seiner großen Karriere als Spieler und der bis heute dürftigen als Trainer finde ich sehr lesenswert.
Und über eine Passage zu seiner Trainerkarriere habe ich mir im Anschluss so meine Gedanken gemacht…

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Die Seiten 214 und 215 der Matthäus-Autobiographie „Ganz oder gar nicht“.

… auf den Seiten 214/215 nämlich schreibt Lothar Matthäus:
Und dann gab es da noch das unterschriftsreife Angebot eines namhaften Erstligisten. Um diskret zu sein und keine amtierenden Personen in Verlegenheit zu bringen, werde ich den Namen dieses Vereins nicht nennen. (…) Hätte ich bis Mitternacht zugesagt, hätte der Präsident morgens um neun den alten Trainer informiert.“ Interessant.

Für mich war die Info neu, dass der heute 51-Jährige so knapp vor dem ersehnten Engagement als Bundesliga-Trainer stand. Online habe ich dazu auch nichts gefunden. Wann diese konkreten Verhandlungen waren? Der Ende 2012 veröffentlichten Autobiografie zufolge „vor nicht allzu langer Zeit„.

Und wenn ich jetzt nicht komplett auf dem Holzweg bin, müsste es sich bei diesem Verein um Hannover 96 handeln (ich hatte erst an Gladbach gedacht, das kann aber nicht).

Für Hannover sprechen mehrere gute Gründe:

  • Laut Lothar Matthäus war der angesprochene Klub damals „in einer tiefen Krise. Wenige Spieltage vor Saisonende stand das Team kurz vor dem Abstieg„. Matthäus traf sich „nach einer weiteren hohen Niederlage“ mit den Verantwortlichen.
    >>>
    Hannover 96 hat mit 0:7 beim FC Bayern verloren, am 31. Spieltag der Saison 2009/10, genauer: am 17. April 2010. Und Hannover war mit 27 Punkten auf Tabellenplatz 17 abgerutscht. Der Rückstand zu den Plätzen 14, 15 und 16 (Nürnberg, Bochum, Freiburg) betrug einen Punkt. Hannover hatte vorher bereits in der Rückrunde gegen Köln (1:4), in Dortmund (1:4), gegen Bremen (1:5), gegen Nürnberg (1:3) und gegen Hertha BSC (0:3) hoch verloren.
  • Laut Matthäus war das Restprogramm des Klubs hart: „auf dem Papier wirklich schwere Gegner„.
    >>> Hannover musste am 32. Spieltag zum damaligen Tabellenvierten Leverkusen und am 34. Spieltag zum bis dato punktgleichen Abstiegskonkurrenten Bochum. Am 33. Spieltag ging es für Hannover gegen Gladbach, die waren immerhin mit zehn Punkten mehr auf dem Konto Tabellenzwölfter.
  • Matthäus schreibt: „Nach dieser grundsätzlichen Einigung flog ich erstmal einmal zurück nach München und schaute mir ein Champions-League-Spiel des FC Bayern an. (…) Der FC Bayern gewann an diesem Abend.
    >>>Und das war am Mittwochabend, 21. April 2010, der Fall. Die Bayern gewannen das Halbfinal-Hinspiel gegen Lyon mit 1:0. Die Bayern sind zwar international regelmäßig erfolgreich, dass sie aber im Bundesliga-Endspurt noch in der Champions-League-Endphase dabei sind und ein Heimspiel gewinnen, kommt bei einem Rückblick auf die Spielzeiten seit 2002/03 lediglich drei Mal vor. Am 12. April 2005 (3:2 gegen Chelsea), am 17. April 2012 (2:1 gegen Real Madrid) – und eben im April 2010.
  • Matthäus traf sich zu den Verhandlungen „mit dem Präsidenten und einem Rechtsanwalt in Frankfurt„.
    >>> Dass man sich zirka auf halber Strecke zu Verhandlungen trifft, ist nicht ungewöhnlich. Wenn Matthäus aus München kommt (er schreibt später, dass er „erst einmal zurück nach München“ flog) und 96-Präsident Martin Kind und der Rechtsanwalt aus Hannover kommen, dann liegt Frankfurt tatsächlich aber mal sowas von in der Mitte:

  • Matthäus, der den Wiederaufbau des ominösen Klubs in der Zweiten Liga starten wollte, schreibt: „Wäre der Club abgestiegen, wäre ich höchstwahrscheinlich der neue Trainer geworden. Aber der alte Trainer holte mit seiner Mannschaft noch bemerkenswert viele Punkte aus den letzten Spielen und blieb damit in der Ersten Liga. (…) Und ich habe mich – ganz ehrlich – von Herzen mit dem Präsidenten und dem sehr sympathischen Trainer gefreut.“
    >>>
    Slomka und Hannover 96 verloren zwar am 32. Spieltag in Leverkusen mit 0:3, gewannen dann aber gegen Gladbach (6:1) und in Bochum (3:0) deutlich. Sehr bemerkenswert, finde ich auch. Und dass Mirko Slomka in der Fußballbranche und darüber hinaus als sympathisch, nett und locker bezeichnet wird, hört man regelmäßig.
  • Matthäus schreibt zu Beginn dieser Passage (siehe oben): „Um diskret zu sein und keine amtierenden Personen in Verlegenheit zu bringen, werde ich den Namen dieses Vereins nicht nennen“.
    >>> Mirko Sloma ist auch heute noch, im Januar 2013, Cheftrainer bei Hannover 96. Und der damalige Präsident, Martin Kind, ist heute ebenfalls noch im Amt.
  • Matthäus schreibt in seinem Buch von einer „psychisch angeschlagenen Mannschaft„.
    >>> Im Abstiegskampf wird jedes Team nervös, klar. Ganz besonders, wenn erst Trainer Dieter Hecking zurücktritt, später sein Nachfolger Andreas Bergmann entlassen wird und Mirko Slomka bereits der dritte Coach in nur neun Monaten ist. Aber vor allem ist es eine „Trauma-Saison“ für Hannover, weil sich Torwart Robert Enke am 10. November 2009 umbringt. Wenn je eine Bundesliga-Mannschaft als „psychisch angeschlagen“ zu bezeichnen ist, dann Hannover 96 in der Saison 2009/10.
  • Googelt man die Begriffe „Lothar Matthäus“ und „Hannover 96“, stößt man auf Artikel (etwa von der Welt oder dem Hamburger Abendblatt), die erwähnen, dass der Bundesligist Gespräche mit dem Weltmeister von 1990 geführt haben soll – zu Beginn der betreffenden Saison 2009/10. Auch unter diesem Gesichtspunkt halte ich es für durchaus denkbar, dass 96-Präsident Martin Kind ein halbes Jahr später die Gespräche mit Matthäus fortgesetzt.

Mein Fazit:

Lothar Matthäus hatte Mitte/Ende April 2010 einen unterschriftsreifen Vertrag als Chefcoach von Hannover 96 vorliegen und hätte endlich Trainer in der Fußball-Bundesliga werden können. Er wollte jedoch nicht absteigen, sondern in der Saison 2010/11 mit Hannover einen Neuanfang in der zweiten Liga starten.
Doch Mirko Slomka holte in drei Partien sechs Punkte (9:4 Tore), schickte den VfL Bochum (neben Hertha BSC Berlin) in Liga zwei, blieb bis heute Hannovers Trainer – und verhinderte so einen Einstieg von Lothar Matthäus.

War es so?

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